Arbeitskreis für Heimatforschung Marktleuthen

Die Geschichte des Kartoffelanbaus im Fichtelgebirge


Lichtbildervortrag von  Adrian Roßner aus Zell im Fichtelgebirge

am 13. April 2017 in Marktleuthen

Südamerika

Weit ausholen muss man, wenn man erklären will, wo der Kartoffelanbau seinen Ursprung hat. So begann Adrian Roßner ausführlich, die Heimat der Kartoffeln zu beschreiben und zeigte als erstes eine Weltkarte, die um das Jahr 1500 entstand.
Weltkarte um 1500
Von dieser seltsamen Pflanze, deren Wurzeln, die Knollen, man essen kann, wussten die Menschen im Fichtelgebirge damals noch nichts, und man muss sich wundern, wie sie ohne Schweiners mit Kleeß, Erdepfl-Stampf und Schnitz mit Backna Kleeß auch nur einen Tag überleben konnten!

Der Weg nach Europa

1492 hatte Kolumbus zwar bekanntlich die Neue Welt entdeckt (oder wiederentdeckt), aber bis die Fichtelgebirgler in den Genuss von gekochten Erdepfln mit eig'machten Heringen kommen konnten war noch ein weiter Weg zurückzulegen. Die Zuhörer lernten zunächst vieles über die frühen Hochkulturen Südamerikas, die Maya, die Azteken und die Inka mit ihrer berühmten Festung Machu Picchu, wo die Inka schon Kartoffeln als Terrassenkultur anbauten. Als die spanischen Conquistadores das Gebiet des heutigen Kolumbien eroberten, erfuhren sie um 1537 von einem wunderbaren Grundnahrungsmittel mit dem Namen Papa, das die Indios in Sorocota anbauten. In seiner Chronica del Perú berichtete der Spanier Cieza de León über diese Knollen, die auf den Terrassenfeldern vielfachen Ertrag brächten und der Gesundheit sehr dienlich wären. Nachrichten über die heilsame Wirkung der tollen Knolle erreichten Europa und schon bald baute man in Spanien diese exotischen, damals bis 1,70 m hohen Pflanzen an. Sie verbreiteten sich nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch als Heilmittel bis nach Italien. Da man sie aus der Erde graben musste, bildete sich dort aus tartufolo, dem Trüffel, über Tartoffel der heute gebräuchliche Name Kartoffel. Von Italien erreichte sie schließlich Mitteleuropa, wo sie der Botaniker Carolus Clusius ausführlich beschrieb und Zeichnungen der Blüten und der ungenießbaren Früchte anfertigte. Auch in der Klosterkirche St. Michael in Bamberg findet man noch heute Darstellungen des oberirdischen Teils der Kartoffelpflanze.

Der Weg nach Pilgramsreuth

Ein holländischer Offizier brachte Gerüchten zufolge einige der Knollen nach Böhmen, deshalb die weit verbreitete Geschichte, sie kämen aus Brabant, einem Herzogtum an der heutigen holländisch-belgischen Grenze. Der Bauer Hans Rogler aus Pilgramsreuth bei Rehau erwarb einige und baute sie daraufhin in seiner Heimat an. Dass die anderen Bauern des kleinen Dorfes sehr schnell den Anbau übernahmen, lag nicht nur an dem hohen Ertrag oder dem guten Geschmack der Knollen. Die Felder und Wiesen der Gegend gehörten größtenteils der Kirche und gemäß eines alten Vertrages mussten die Bauern für das Recht der Bewirtschaftung einen Zehnt des erwirtschafteten Getreides und Fleisches sowie ein Fastnachtshuhn der Kirche geben. Von Kartoffeln stand in dem Vertrag natürlich nichts. Als der Pilgramsreuther Pfarrer die Ortskirche von dem Bayreuther Bildhauers Elias Räntz renovieren und barockisieren ließ, musste er deshalb feststellen, dass seine Kassen leer waren. Bei einem Prozess am Landgericht Hof an der Saale erstritt der Pfarrer daraufhin, dass die Bauern auch auf Kartoffeln ihre Steuern zu leisten hatten. Bei diesem Prozess sagten fünf Zeugen aus, dass Hans Rogler die Kartoffeln im Jahr 1647 aus Böhmen mitbrachte. Durch das Gerichtsprotokoll sind die Aussagen schriftlich überliefert, wodurch Pilgramsreuth mit Recht die erste urkundliche Erwähnung eines Kartoffelanbaus auf dem Gebiet des heutigen Deutschland für sich in Anspruch nehmen kann. Im nicht weit jenseits der tschechischen Grenze gelegenen Roßbach (Hranice u Aše) behauptet übrigens der Heimatforscher Arno Ritter, dass Rogler seine ersten Kartoffeln aus Roßbach bekam und deshalb der Kartoffelanbau dort viel älter sei. Belege darüber gibt es jedoch nicht. Auch nicht (bis jetzt) über einen früheren Anbau im Gebiet des heutigen Deutschland. Der damalige Pilgramsreuther Pfarrer schimpfte vor Gericht, dass weder in Bayreuth, noch in Kulmbach, Hof oder dem Unterland solche Feldfrüchte bekannt wären und ein Ochse, dem man das Kartoffelkraut zu fressen gegeben habe, tot umgefallen sei. Aber seine Bauern müssten unbedingt solche unsäglichen Pflanzen anbauen. Diese wussten natürlich, dass man nur die Wurzelknollen essen kann und der Rest giftig ist. So dumm waren die Leute damals auch wieder nicht. Auf die ungenießbaren oberirdischen Früchte, die Pampern, fielen höchstens mal unwissende Diebe herein. Unter den Bauern verbreitete sich das Wissen der Ernte und Zubereitung gleichzeitig mit der Frucht.

Einführung mit Hindernissen

Dass die Kartoffel, wo sie eingeführt wurde, sich relativ schnell einbürgern konnte, lag sicher auch an den schlechten Zeiten zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Alles essbare mit gutem Ertrag war begehrt und die Kartoffeln besitzen einen ausgewogenen Gehalt an wichtigen Nährstoffen, weshalb sie zum Beispiel von Seefahrern neben dem Sauerkraut auch zur Vermeidung von Skorbut, einer Vitamin-Mangelkrankheit, geschätzt wurden. Manche Geistliche wetterten allerdings gegen die exotische Nahrung, weil alle Pflanzen mit ihren essbaren Früchten gen Himmel streben, die Erdäpfel aber nach unten gen Hölle wachsen. Sie bezeichneten sie als Teufelsäpfel. Und die Obrigkeit störte es, dass die Bauern keine Steuern darauf zahlen wollten, weil in den alten Verträgen von dieser Feldfrucht natürlich keine Rede war.

Der Kartoffelkönig

Endgültig zum flächendeckenden Durchbruch verhalf den Erdäpfeln später Friedrich II. von Preußen, auch Friedrich der Große, der Alte Fritz oder der Kartoffelkönig. 1750 zwang er mittels eines Dekrets seine Untertanen, Kartoffeln anzubauen. Vier Jahre vorher hatte unser Markgraf Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth auch schon ein ähnliches Dekret, den Karoffel-Befehl, erlassen. Er war mit der Markgräfin Wilhelmine verheiratet, der Schwester von Friedrich dem Großen. Deshalb stellte Adrian Roßner die kühne Theorie auf, dass der Alte Fritz die Idee für das Dekret von seinem Bayreuther Schwager geklaut haben könnte, der Titel Kartoffelkönig also eigentlich unserem Markgrafen Friedrich zustünde, vielleicht auch "Kartoffel-Markgraf" oder "Kartoffel-Fürst".

Hungersnöte

Anfangs oft nur als Viehfutter oder Nahrung des einfachen Landmannes eingesetzt, setzten sich Kartoffelgerichte beim Bürgertum oder gar beim Adel nur allmählich durch. Um diese Zeit wusste man auch schon um die Verarbeitung zu Kartoffelmehl (Stärkemehl), mit dem man auch backen oder zumindest das teurere Getreidemehl strecken konnte. Außerdem stellte sich heraus, dass auf den Feldern mit Kartoffelanbau im nächsten Jahr das Getreide besonders gut wuchs. In der Dreifelderwirtschaft (Wintergetreide - Sommergetreide - Brache) konnte dadurch die Brache durch Kartoffeln oder Rüben ersetzt werden, was der Landwirtschaft einen Ertragsschub bescherte. Die starke Fokussierung auf diese Feldfrucht hatte jedoch den Nachteil, dass epidemieartiges Auftreten von Pflanzenkrankheiten wie der Kartoffelfäule oder Schädlingen wie des Kartoffelkäfers zu Hungersnöten führte, mit Folgen wie der bekannten Kartoffelrevolution 1847 in Berlin oder Auswanderungswellen in die neue Welt, besonders aus Irland.

Kartoffel-Kultur

Heute betrachten wir Gerichte wie Schweiners mit Kleeß, Erdepfl-Stampf, eingelegte Heringe mit Erdäpfel und Schnitz mit Backna Kleeß als ur-einheimische Gerichte und vergessen dabei oft, wie exotisch diese Feldfrucht noch vor einigen Jahrhunderten war. Erdepfl-Grobm und Erdepfl-Feierla gehören schon zu den Kindheitserinnerungen unserer Großeltern. Dass nach der Kartoffelernte ärmere Leute die Felder nach liegengelassenen Knollen absuchten, die sogenannte Nachlese, bei uns Erdln genannt, betrachteten diese oft mehr oder weniger als ihr Recht. Die Arbeitsschritte auf dem Feld klingen, als existierten sie schon seit Jahrtausenden:
  • Ackern: Umpflügen der Getreide-Stoppeln aus dem vorherigen Anbau
  • Furchen ziehen und Löcher machen, bei uns gleichzeitig durch das "moderne" Vielfachgerät
  • Stecken mit der Hand (siehe unten)
  • Oabettn: Anbetten = Mit Erde bedecken
  • Weg-Ackern: Auflockern der Erde links und rechts der Pflanzen mit einem anderen Pflug
  • Ausputzn: Unkraut jäten
  • Noa-Ackern: Anhäufeln mit dem Pflug
  • Erdöpflgrobm: Ernte mit der Haue, dem Kreil, dem Erdöpfl-Schleiderer oder wie heute dem Vollernter
  • Erdöpflfeierl: Verbrennen der restlichen Pflanzenteile, um Getreide säen zu können
  • Erdln: Nachlese durch den Bauern selbst oder andere
... Klees kochn'

Die Kartoffelernte mit der Hand war sehr arbeitsintensiv, weshalb es früher nach den Sommerferien nochmal Kartoffelferien im Herbst gab, natürlich nicht zum Ausruhen, sondern zum Arbeiten. Die Kinder wurden vor allem zum Aufklauben in die Weidenkörbe eingesetzt und zur Belohnung gab's dann in der Glut des Kartoffelfeuers kohlschwarz gegarte Erdäpfel. Innen wirklich gut! Da Kartoffeln auch an die Schweine verfüttert wurden, brauchte man große Mengen. Früh und abends kochten zwei Riesen-Töpfe voll auf unserem Ofen. Vorher mussten sie von Erde befreit, also gewaschen werden. Eine Kartoffel-Waschmaschine gehörte daher zur Grundausstattung auch einer kleinen Landwirtschaft. Man kippte auf der einen Seite die Knollen hinein, Wasser natürlich auch, dann musste man eine Kurbel drehen bis der gröbste Dreck entfernt war. Dann brauchte man nur anders herum zu drehen und schon wurden die Kartoffeln über eine Rutsche wieder nach außen in einen zuvor hingestellten Weidenkorb oder Drahtkorb befördert.


"Säen" oder "Stecken"

Kartoffeln "sät" man übrigens nicht, sondern man "steckt" sie. Als Kind wunderte ich mich, dass beim Getreide die größten Körner für die Saat benutzt wurden, bei den Kartoffeln steckte man jedoch die kleinsten. Mein Vater sagte »Des mecht ma halt sua!«. Die Bauern machten es instinktiv richtig, wie sie es von ihren Vorfahren gelernt hatten. Beim Säen von Getreide handelt es sich nämlich um eine generative Vermehrung, das heißt, bei der Blüte des Getreides befruchtet der Wind die unscheinbaren weiblichen Blüten mit männlichen Pollen, und das Ergebnis in Form eines Korns trägt normalerweise eine Mischung des Erbgutes zweier Pflanzen, also etwas völlig Neues. Beim Aussäen muss man also darauf achten, die besten zu säen, sonst entsteht Degeneration. Deshalb wächst bei der Aussaat von Obstkernen kein Baum mit genau so edlen Früchten, sondern man muss das Ergebnis erst veredeln. Im Gegensatz dazu handelt es sich beim Stecken der Knollen um eine vegetative Vermehrung. Das Erbgut der jungen Pflanze ist mit dem der alten identisch, wie bei einem Steckling von Sträuchern oder einem Ableger von Topfpflanzen. Dazu kann man also ruhig die kleinsten Kartoffeln nehmen, oder diese sogar wie früher üblich in vier Teile schneiden, um noch mehr junge Pflanzen zu erhalten.


Lichtbildervortrag von Adrian Roßner im Café Schoberth in Marktleuthen

Geschichte des Kartoffelanbaues, Vortrag von Adrian Roßner, Zell im Fichtelgebirge

Im demnächst erscheinenden Band 6 der Buchreihe
Unser Fichtelgebirge - Beiträge zur Heimatpflege, Heimatkunde, Wandern und Naturschutz
des Fichtelgebirgsvereins erscheint demnächst
Adrian Roßners Aufsatz "Eine kleine Geschichte des Kartoffelanbaus",
der das Thema nochmal ausführlich beschreibt.
Informieren über das Erscheinungsdatum können Sie sich hier beim  FGV.


Erwin Purucker, 2017
frei nach einem Vortrag von Adrian Roßner, Zell im Fichtelgebirge
 
Rußbuttenträger an der Egerbrücke in Marktleuthen